Band 04
Sie war schon mit einem Fuß aus der Haustür, als das altmodische, nilgrüne Telefon auf der Ablage klingelte. Vicky hob ab.
„Hallo?“
Die Stimme am anderen Ende jagte ihr sofort einen Schauer über die Arme. Jedes Härchen stellte sich auf.
„Ich bin es.“
„Wie kannst du mich anrufen?“
„Es geht. Zum Glück. In einer halben Stunde in der alten Ruine im Stadtpark?“
Es war White. Vicky hatte nur noch den Wunsch, sofort zu ihm zu gehen. Sie konnte nicht mehr die halbe Stunde warten, jetzt, wo sie wusste, dass er ganz nahe war. „Kommst du? In einer halben Stunde? Ich kann nicht lange bleiben. Du weißt schon, Mensch bleiben.“
„Halbe Stunde“, wiederholte Vicky hilflos. Nein, sie konnte nicht. Sie musste Sally hüten und hatte Marco versprochen, mit ihnen Pizza zu essen.
Andererseits, wenn White ohnehin nur kurz Zeit hatte, dann wäre sie bestimmt bald zurück. Marco sollte ihr ein Stück der Pizza aufheben, und bestimmt war er auch bereit, auf Sally aufzupassen.
„Ja, ich werde da sein. Bestimmt.“
„Das ist schön. Ich dachte schon, du könntest nicht kommen.“
„Doch, doch.“
„Bist du sicher? Macht es keine Probleme?“
„Alles in Ordnung“, versicherte Vicky.
Kaum dass sie aufgelegt hatte, rannte Vicky hinüber zu den Sayers. Marco stand bereits in der Küche und schüttete Mehl und Wasser in eine Rührschüssel. Sally saß auf der Anrichte, damit sie ihm gut zusehen konnte.
„Ich muss kurz weg. Sehr wichtig. Könntest du …?“ Sie deutete auf Sally.
Marco hatte viele angenehme Eigenschaften. Eine davon war, dass er keine Fragen stellte. Er nickte nur.
„Danke! Du hast was gut bei mir. Ich komme so schnell es geht zurück. Etwas dauern wird es schon.“
„Kein Problem. Wir werden Spaß haben, Sally, nicht wahr?“
„Jaaa!“, jubelte Sally.
„Hebt mir was von der Pizza auf“, bat Vicky.
Danach stürmte sie zu ihrem Fahrrad und raste los.
Wenn ihr Herz nur nicht so heftig schlagen würde. Vicky tadelte sich innerlich dafür. Sie hatte immer den Eindruck, White könnte es hören oder fühlen, und das wollte sie nicht. Er sollte nicht wissen, was in ihr vorging. Sie wollte vor ihm verbergen, wie sehr sie sich danach sehnte, ihn zu treffen, ihn zu sehen und zu berühren. Jede Minute mit ihm war ihr wichtig und sie schienen nicht einmal dreißig Sekunden zu haben. Die Zeit mit White verging immer rasend schnell. Nie konnte er lange bleiben.
Er konnte vor allem nie lange Mensch bleiben.
Wenn er überhaupt Mensch war.
Vicky vertraute ihm mehr und mehr. Und trotzdem drängte sich immer wieder einer von Nessas Sprüchen in ihren Kopf. Liebe macht blind. Energisch versuchte Vicky, ihn aus ihrem Gehirn zu vertreiben.
Sie war nicht blind. Ganz bestimmt nicht. Sie kannte White nun schon lange. Jedenfalls lange genug.
Azrael nannte ihn den Todesengel.
In Vicky blitzten viele Erinnerungen auf, während sie auf ihrem Fahrrad durch die abendlichen Gassen flitzte. Ihr Ziel war der weitläufige Stadtpark und dort die Ruine auf dem Hügel. Die Ruine sollte ihr Treffpunkt und somit zu ihrem winzigen Reich werden, in dem sie zusammen sein konnten.
Sie setzten sich auf die Steinbank. Die wenigen Schönwetterwolken am Himmel glühten goldrot und strahlten abendlichen Frieden aus.
„Bist du schon länger hier?“, fragte Vicky. Sie saß dicht neben White, den Kopf an seine Brust gelehnt. Er hatte seinen Arm um sie geschlungen und drückte sie sanft an sich.
„Nein.“
„Wo … wo bist du sonst? Du hast es mir nie gesagt.“
„In einer anderen Stadt. Weit von hier. Damit wir niemals Gegner sind.“
Das waren sie gewesen. Vickys Aufgabe war es, Leben zu retten, das noch zu retten war.
„Obwohl du weißt, dass ich keine Leben nehme. Ich erlöse nur und befreie. Ich bringe Erleichterung. Ich bringe Raum für Neues.“
„Aber manchmal kommst du zu früh!“
Sie spürte wie er schmunzelte. „Dafür gibt es Engel wie dich. Oder Azrael. Ihr haltet uns auf.“
„Azrael möchte, dass ich seine Statue wieder aufbaue. Er drängt mich. Ich habe ein ungutes Gefühl …“ Vicky war froh, sich White anvertrauen zu können.
Eine lange Pause folgte. Überrascht hob Vicky den Kopf und drehte sich zu White. Er starrte ins Leere, ausdruckslos, mit steinerner Miene.
„White?“ Als er nicht reagierte, nannte sie ihn bei dem Namen, den er in seinem irdischen Leben getragen hatte: „Bryan?“
Langsam wandte er sich ihr zu, als müsse er sich von etwas losreißen, das er irgendwo in weiter Ferne gerade gesehen hatte.
„Was ist los?“ Vickys Unruhe wuchs.
„Nichts.“
„Wenn ich dir sage, dass ich das nicht glaube?“
Er drückte sie kurz an sich. „Es ist himmlisch, mit dir zusammensein zu können.“
„Wieso bist du manchmal Mensch?“ Diese Frage beschäftigte Vicky schon lange. Seit dem ersten Mal, als White so bei ihr aufgetaucht war.
Er atmete tief ein.
„Was ist?“
Ebenso tief atmete er wieder aus. „Ich will nicht, dass du meinst, ich belüge dich. Ich kann dir nicht alles sagen. Bitte, vertrau mir. Am Ende wird alles gut.“
„An welchem Ende?“
„Das werden wir wissen, wenn wir es erreicht haben. Dann wird alles gut sein.“
